Writing, to me, is simply thinking through my fingers!

(Isaac Asimov)

Dr. Harald Zaun

Wissenschaftshistoriker – Wissenschaftsautor

21. Februar 2018

Ich möchte Sie davon abhalten, sich abzuwenden, nur weil Sie die Sache nicht verstehen. Meine Physikstudenten verstehen diese Sache ebenfalls nicht … weil ich sie nicht verstehe. Niemand versteht sie!      

 (Richard P. Feynman, 1918-1988)                                          

I love astrophysics. It’s like looking at the universe naked!                   

 (Sheldon Cooper / Big Bang Theory, 2010)         

                                                                                                                                                                               

Inmitten des Nichts. Kein Licht. Kein Raum. Kein Volumen. Kein Leben. Kein Zeitpfeil fliegt, keine kosmische Uhr tickt. Nur totale Leere überflutet das Vakuum. Doch nur scheinbar. Denn außerhalb des Jenseits und abseits des Diesseits existiert ein unendlich kleiner, dichter, massereicher und heißer Punkt, in dem undefinierbare Teilchen und Kräfte gefangen sind. Warum irgendwann zu keinem Zeitpunkt und irgendwo an keinem bestimmten Ort dieses punktförmige Gebilde, das Astrophysiker Urknall- oder Anfangssingularität nennen, vor 13,8 Milliarden Jahren „explodierte“ und quasi aus dem Nichts die uns vertraute Welt mit Materie, Anti-Materie und anderen uns noch unbekannten Materieformen erschuf, ist fraglos das größte Mysterium aller Mysterien. Warum entzündete sich der Urknall? Was war vor dem Urknall, vor dem Beginn der Zeitlich- und Räumlichkeit? Wer oder was war der erste Beweger, sofern es überhaupt einen solchen gegeben hat, der das Nichts am Beginn allen materiellen Seins aus seiner Nichtigkeit befreite? Und wie viele Akte mögen nach der gewaltigen Ouvertüre, dessen Schlussakt sich kaum erahnen lässt, noch folgen? Oder beruht etwa alles auf einen großen Zufall oder einer unersichtlich langen Kette von Zufällen? All diese bewegenden Fragen finden ihren stärksten Ausdruck in dem Anthropischen Prinzip, von dem mich die finale Variante und die von mir diskutierte exobiologisch-kosmische Version am meisten faszinieren. Generell reflektiert das Anthropische Prinzip die physikalischen Gesetze, die Naturkonstanten und die kosmologischen Anfangsbedingungen mitsamt ihren Folgen. Ihr geht es um die Frage, ob die kosmischen Feinabstimmungen derart exakt justiert waren, dass sich daraus zwangsläufig Leben, so wie wir es kennen, entwickeln musste, oder ob gar der Faktor Zufall – sich im Zuge der Evolution selbst multiplizierend – unser Dasein bedingte. Was wäre wohl geschehen, wenn nur ein einziger Dominostein der kosmischen, geologischen und biologischen Evolutionskette anders oder überhaupt nicht gefallen wäre und die ereignisreiche Kettenreaktion vom Urknall zum Menschen nicht in Gang gebracht hätte?

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Historisches SETI-Signal ohne Kosmogramm

In diesem Beitrag räume ich mit der Mär rund um das mysteriöse „Wow!-Signal“ auf, das manche für den Fetzen einer intelligenten Funknachricht aus dem All halten. Für mich war es nur ein Satellit …

Der, der dem Vogelflug folgte

Dieses Feature schrieb ich anlässlich einer DLR-Studie, die belegte, dass Otto Lilienthal, der als erster Mensch nachweislich mit einem Gleitflieger abhob, einen höchst aerodynamischen Segler baute und sein Unfalltod 1896 nicht technische Ursachen hatte. Natürlich vernachlässige ich auch nicht die wissenschaftshistorische Dimension seiner Leistung und seinen Impakt auf die Nachwelt.

Bildquelle: www.spitzer.caltech.edu

Nicht minder spannend ist die finale Variante des Anthropischen Prinzips. Sie besagt, dass intelligente Informationsverarbeitung irgendwann im Universum in Erscheinung treten muss und danach niemals wieder aussterben kann. Dieses Postulat des ewigen Lebens bekommt gerade im Zuge der gegenwärtigen elektronischen Revolution und der Diskussion um dem Mensch 3.0. eine aktuelle Note. Vor diesem Hintergrund drängt sich vor allem die Frage auf, wie viele außerirdische Geschöpfe samt und sonders Kinder ihrer Sonne sind und den Sternenstaub  in sich tragen, der in unzähligen Supernovae-Explosionen in den Kosmos freigesetzt wurde? Dieser Aspekt fesselt mich vielleicht am meisten.

„Wie viele Brüder und Schwester mögen da draußen in den Tiefen und Weiten des Alls gelebt haben oder noch leben?“

Wie gewinnbringend oder gefährlich wäre ein „First Contact“? Da unser Universum ein Kosmos mit vielen Fragezeichen ist, in dem genügend Freiraum für Spekulationen und neue Hypothesen bleiben, halte ich auch die neuen Pre-Big-Bang-Modelle als Alternative zur etablierten Urknall-Theorie für durchaus diskussionswürdig, was auch für kosmische Exoten wie Schwarze Löcher gilt. In wissenschaftshistorischer Hinsicht interessiert mich auch das Wirken von Albert Einstein, mit dem die Suche nach der Grand Unified Theory, der „Weltformel“, untrennbar verknüpft ist. Wird es jemals gelingen, die Allgemeine Relativitätstheorie mit der Quantentheorie zu vereinen und eine Gleichung zu finden, die (fast) alles erklärt, ohne dabei zu verklären? Ich denke, dass wir nur dann wissenschaftlich fundierte Antworten erhalten, die unsere Stellung im Universum präzisieren, wenn wir unsere Sinne aufs Äußerste schärfen, uns einer ausgefeilten Mathematik bedienen und Teleskope sowie Beschleunigeranlagen etc. weiterhin optimieren. Die in dieser Dekade entdeckten Higgs-Teilchen und Gravitationswellen – in der Theorie postuliert, dank hochmoderner technischer Anlagen nachgewiesen –, dokumentieren eindrucksvoll die Notwendigkeit und den hohen Stellenwert der Grundlagenforschung.

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Wenn supermassive Schwarze Löcher an ihre Grenzen kommen

Ich kann die Finger von diesen Schwarzen Riesen einfach nicht lassen. Sie sind einfach zu faszinierend, die schwarzen Materiefallen, die  eigentlich nicht schwarz sind. Und strenggenommen sind es auch keine Löcher …

Der biblische Stern, der kein echter war

An die schöne Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland möchte ich gerne glauben. Aber mit Blick auf die Geschichte, auf die spärlichen historischen Quellen und astronomischen Hintergründe wird der fiktionale Charakter dieser Fabel schnell offensichtlich.

Bildquelle: NASA

Zu guter Letzt halte ich als Wissenschaftshistoriker das Studium der Geschichte für unerlässlich, liefert doch die Vergangenheit den Schlüssel, um die Gegenwart besser zu verstehen und die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen. Fernerhin sind ja auch alle empirischen Daten, mit denen Forscher operieren, vergangenheitsbezogen. Doch nicht in den Zeitschichten Gegenwart oder Zukunft sind die Schatztruhen des Wissens begraben. Vielmehr finden sich diese allein auf den noch unentdeckten Wissensinseln der Vergangenheit. Um den Sinn unseres Daseins zu verstehen, müssen wir tief in die vergangenen Zeiten, zurück zu den Anfängen von Bewusstsein und Intelligenz, am Pfad der Evolution entlang bis zum Ursprung des irdischen Lebens und dem des Universums eintauchen. Dort begegnen wir mitunter geheimnisvollen fernen Kosmen. In der Quantenwelt stoßen wir auf das unendlich Kleine, im Weltall sehen wir uns dem endlich Großen gegenüber und indem wir das Leben per se analysieren, offenbart sich uns das unendlich Komplexe.

Jeder Forscher ist zu guter Letzt auch ein Historiker seiner Fachdisziplin. Der Astronom blickt von allen am tiefsten zurück und avanciert unweigerlich zum Zeitreisenden. Wie ein Paläontologe, der versteinerte Fossilien studiert, um das Leben und Alter urzeitlicher Tiere oder Pflanzen zu rekonstruieren und zu bestimmen, studiert ein Astronom Fossilien der kosmischen Art: elektromagnetische Strahlung, Gravitationswellen und fernerhin Neutrinos. Nicht ohne Grund ist mein Themenspektrum breit gefächert, wobei die Astrophysik, Kosmologie und insbesondere Exobiologie/Astrobiologie/Bioastronomie/SETI fraglos zu meinen Lieblingsdisziplinen zählen, über die ich gegenwärtig primär für Buchverlage in Form von Fach- und populärwissenschaftlichen Publikationen forsche und schreibe.

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Spurensuche nach Technosignaturen in außerirdischen Atmosphären

Zwei Astronomen schlagen vor, in naher Zukunft mit dem James Webb Telescope (JWST) die Atmosphären erdnaher erdähnlicher Exoplaneten spektrografisch zu durchleuchten und dort nach chemischen Abfallprodukten Ausschau zu halten, nach Emissionen einer außerirdischen Industrie. Hierbei spielen ausgerechnet FCKWs eine wichtige Rolle ….

Marsianer Gesichtsverlust

Ein für alle Mal – das legendäre Marsgesicht, das von vielen UFO-Fans oder Paläo-SETI-Anhängern sogar zum außerirdischen Artefakt verklärt wurde, ist nichts anderes als eine exogeologische Zufallsstruktur – mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Bildquelle: Image courtesy of NRAO/AUI

Komplexe und diffizile Sachverhalte verständlich und spannend darzustellen und dabei Faszination zu wecken sowie aktuelle Themen mit Hintergrundwissen zu verweben – dies halte ich für eine ausgesprochen interessante Herausforderung. Manchmal ist es aber auch vonnöten, verschwörungstheoretischen, abstrusen und esoterischen Tendenzen, deren Vertreter wissenschaftliche Kompetenz vorgaukeln, mit Nachdruck entgegen zu treten, wie etwa bei der Moon-Hoax-Debatte .

Neil Armstrong, der erste Mann auf dem Mond. Bild: Mutz/Zaun

Während meiner 20-jährigen Arbeit habe ich viele Interviews mit renommierten Wissenschaftlern und Nobelpreisträgern  und auch Raumfahrern geführt, wobei sicherlich ein Höhepunkt die Begegnung mit den ersten beiden Mondastronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin im Jahr 2011 war. Fraglos haben mich solche Zusammentreffen, die oft in Gespräche mündeten, menschlich und intellektuell einen kleinen Schritt weitergebracht. Für die Menschheit mag dies kein großer Sprung nach vorn gewesen sein, aber mit Blick auf den Overview-Effekt, den Astronauten er- und durchlebt haben, möchte ich diese Erfahrungen nicht missen…

Liebe Leser, lassen Sie mich abschließend noch ein Wort über die SETI-Astronomen verlieren, die streng wissenschaftlich nach Radio-, Infrarot und Laseremissionen suchen, die außerirdische Technologien absichtlich oder unabsichtlich abstrahlen. Ich habe hierüber viel nachgedacht und geschrieben – und werde dies weiterhin auch gerne tun. Bislang haben die SETI-Forscher nur einen Teil der erdnahen Sterne für kurze Zeit belauscht, wohl wissend, dass fast jeder Stern im Universum eigene planetare Kinder besitzt, so genannte Exoplaneten. Es sind größtenteils Trabanten von Sonnen, die innerhalb eines Radius von maximal 1000 Lichtjahren liegen.

Die Begegnung mit den ersten beiden Mondastronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin war sicherlich ein Höhepunkt in meiner Arbeit.

Nein, nicht wer bei unsinnigen und auf Quoten fixierten sensationslüsternen und sexistischen Panem-et-circenses-TV-Trashformaten à la DSDS, Big Brother, GNTM, Dschungelcamp, Der Bachelor dereinst gewonnen hat oder anno dazumal Weltmeister und Olympiasieger in irgendeiner Sportart geworden ist, wird unsere Nachkommen in 1000 Jahren jemals interessieren. Wenn sich jemand von ihnen 3018 darauf festlegen müsste, welches Ereignis in den Annalen der Menschheitsgeschichte das in seinen Augen oder Sensoren (es könnte ja auch Roboter oder Androiden sein) das Bedeutsamste war, dann wird dieser Jemand ohne Zögern die erste bemannte Mondmission im Juli 1969 voranstellen. Was der großartige Neil Armstrong mit seinen kleinen Schritten auf dem Mond als Erster zelebrierte, werden unsere Nachkommen als den großen Sprung der Menschheit interpretieren und als unvergleichliche Zäsur markieren. Schließlich haben Armstrongs lunaren Schritte den Weg der Menschheit ins All geebnet und den Sprung vom Homo sapiens zum Homo spaciens vorbereitet. Das vorliegende Bild wurde im Juni 2011 auf Teneriffa (Kanarische Inseln/Spanien) am Rande des ersten Starmus-Festivals aufgenommen. Wir begegneten einem sehr gelösten Neil Armstrong, der dieses Mal nicht medienscheu wirkte. Leider verstarb dieser großartige Mensch 14 Monate später. Eingedenk seiner historischen Leistung möchte ich nachdrücklich betonen, dass die sechs Apollo-Mondlandungen der NASA in der Tat real waren und im letzten Jahrhundert insgesamt zwölf US-Astronauten den Mondstaub tatsächlich per pedes aufwirbelten. Engel und Boten Gottes, steht uns bei! Es gab keine lunare Verschwörung!

Bildquelle: ESO (European Southern Observatory).

Diese Sonnen sind selbst stellare Kinder einer durchschnittlichen Galaxie, die mit ihren 100.000 Lichtjahren Durchmesser wiederum nur ein galaktisches Kind unter vielen des Universums ist. Wie die mehr als 500 Milliarden anderen Sprösslinge muss auch unsere Heimatgalaxie dem Gesetz der kosmisch-räumlichen Expansion Tribut zollen, mit der Folge, dass sich unsere extragalaktischen Freunde immer weiter von uns entfernen. Sie, die Extragalaktischen da draußen, und die innergalaktischen Anderen, haben auf unterschiedlichen Ebenen immerhin eines gemeinsam: Alle sind sie so fern – und doch so zahlreich…

Harald Zaun

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